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Zuckerrohr

Vom Luxusprodukt zum billigen Genussmittel

AllgemeinesAnbaugebieteAnbau und ErnteProdukteSiegelNachhaltigkeit

Allgemeines

Zuckerrohr (Saccharum officinarum) – einst Fluch der Karibik, heute Ausgangsprodukt für Zucker als modernes Suchtmittel. So oder so ähnlich könnte man die Geschichte des Zuckerrohrs seit dem 16. Jahrhundert beschreiben. Zu dieser Zeit war der Zuckerhandel einer der global bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren und ebenfalls ein wesentlicher Faktor für die atlantische Sklaverei. Die Bedingungen für den Zuckerrohranbau in den karibischen Kolonien waren ideal und so konnte dort die Menge produziert werden, um den Hunger nach billigem Zucker in Europa zu stillen. Der Anbau und die Ernte der Pflanze in Handarbeit ist äußerst hart. Deshalb kam man auf die Idee, afrikanische Sklaven dafür einzusetzen. Erst die Zuckerrübe war durch die Entwicklung der Zuckerproduktion in Europa und dem damit einhergehenden Einbruch des karibischen Marktes der Grund für die Befreiung der Sklaven auf den Zuckerrohrfeldern in der Karibik.

Die zur Familie der tropischen Süßgräser gehörende Pflanze wird bis zu 6 Meter hoch und speichert den Zucker in den hellgrünen bis rotbraunen massiven Halmen. Der Zuckergehalt in diesen circa 5 Zentimeter dicken Halmen schwankt zwischen 10 und 20 Prozent.
Heute werden rund 80 % der und 180 Millionen Tonnen des jährlich weltweit produzierten Zuckers aus der schilfähnlich erscheinenden Pflanze gewonnen. Noch heute ist der Bedarf an diesem Süßungsmittel global betrachtet enorm. Rund 22 kg Zucker werden pro Kopf weltweit im Jahr konsumiert. Die moderne Lebensweise und versteckter Zucker in industriell gefertigten Lebensmitteln sind Hauptgründe für den heutigen unglaublich hohen Verbrauch. Dieser kann zu einer Abhängigkeit des Körpers und Krankheiten wie Dickleibigkeit und Diabetes führen.

Anbaugebiete

Das Ursprungsgebiet des Zuckerrohrs erstreckt sich bis in die Regionen Ostasiens. Von dort aus breitete sich die Pflanze durch anthropologische Einflüsse nach Europa aus. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde sie schließlich durch Kolumbus von den kanarischen Inseln auf die karibischen Inseln gebracht, wo sie aufgrund des tropischen Klimas optimale Wachstumsbedingungen vorfand. Heute finden sich die Anbaugebiete vornehmlich in den Tropen und Subtropen wieder. Dazu gehören die Kontinente Südamerika, Asien, Afrika und Australien. Nach den Angaben der „Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker e.V.“ zählen zu den bedeutendsten Zuckerrohrproduzenten Brasilien, Indien, China, Thailand, Mexiko, Australien und die USA.

Anbau und Ernte

Das Zuckerrohr ist eine sehr pflegeintensive Pflanze, weshalb sich ihre Kultivierung als äußerst anspruchsvoll erweist. Aufgrund ihrer hohen Temperaturansprüche, etwa zwischen 25 und 30 Grad Celsius, ist ihr Anbaugebiet auf die Tropen und Subtropen beschränkt. Das Wachstum des Zuckerrohrs beginnt zudem erst ab einer Minimaltemperatur von 15 Grad Celsius. Bei niedrigeren Temperaturen oder gar Extremwetterbedingungen neigt die Pflanze dazu, abzusterben. Bezüglich der Wasserversorgung ist ein beträchtlicher Wasserbedarf von 1200 mm Niederschlag pro Jahr erforderlich. Neben den anspruchsvollen Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen, stellt der Boden eine ebenso entscheidende Variable dar. Dieser sollte tiefgründig, stickstoffreich und feucht sein. Wichtig ist hierbei jedoch, dass unter keinen Umständen eine Staunässe vorherrscht. Je höher die Ansprüche bei den Wachstumsbedingungen der Pflanze sind, desto geringer sind diese bei der Vermehrung. Einzig und alleine das Ausbringen von Stecklingen reicht, damit die Pflanze neue Triebe entwickeln kann.

Aufgrund der unterschiedlichen Zuckerrohrsorten mit unterschiedlichen Wachstumsphasen ist die Ernte nach 9-13 Monaten möglich. Die Erntezeit beschränkt sich dabei auf den Zeitraum von April bis Dezember, also in der gesamten Trockenzeit.
Die Ernte kann auf verschiedene Arten erfolgen: manuell, semi-manuell oder maschinell. Dies bedeutet, dass das Zuckerrohr entweder durch aufwendige Handarbeit, mit Maschinen oder einer Kombination aus beiden Methoden geerntet werden kann. Ein wichtiger Faktor bei der Ernte ist die zügige Weiterverarbeitung innerhalb von 24 Stunden, damit der Zuckergehalt erhalten bleibt. Nach der Ernte muss das Zuckerrohr daher unmittelbar an den Weiterverarbeitungsbetrieb transportiert werden, um Verluste zu vermeiden. Der Anbausektor und der Weiterverarbeitungssektor sind aus diesem Grund stark voneinander abhängig. Die Entfernung von Feld und Fabrik spielt daher eine entscheidende Rolle.

Produkte

Bekannt ist das Zuckerrohr unter anderem für den daraus gewonnenen (Rohr-)Zucker. Die Herstellung von raffiniertem Zucker ist aufwendig. Der Zuckerrohrsaft, der durch das Auspressen der Stiele gewonnen wurde, wird gereinigt und in mehreren Schritten zu Zucker kristallisiert. Für die Herstellung einer Tonne raffinierten Zuckers sind zwischen neun und fünfzehn Tonnen Zuckerrohr notwendig. Als Süßungsmittel findet man ihn unter anderem in Back- und Süßwaren, aber auch in vielen industriell gefertigten Lebensmitteln wie in Wurstprodukten, Fertigpizzen oder zuckerhaltigen Limonaden.  

Neben dem Lebensmittelsektor spielt Zuckerrohr auch in der Bioenergiebranche eine wichtige Rolle. Vor allem in Südamerika wird Zuckerrohr zur Herstellung von Bioethanol angebaut. Der Begriff „Bio“ steht in diesem Fall aber nicht in Zusammenhang mit ökologischer Nachhaltigkeit. Er soll lediglich ausdrücken, dass der Kraftstoff nachwachsende Rohstoffe beinhaltet. Es stellt sich die Frage, ob Bioethanol aus ökologischer Sicht überhaupt einen Vorteil bringt. Zuckerrohranbau für die Kraftstoffindustrie verbraucht enorm viel Fläche. Bei der damit einhergehenden Landnutzungsänderung wird häufig mehr CO₂ in die Atmosphäre abgegeben, als durch die Verwendung von Bioethanol eingespart werden kann.

Siegel

Legt man als Verbraucher Wert auf einen bewussten Konsum und eine nachhaltige Produktion von Produkten, erweist es sich als empfehlenswert, die Siegel und Zertifizierungen auf den Verpackungen zu berücksichtigen. Im Bereich des Zuckerrohrs spielen zwei Siegel eine wichtige Rolle: das Fairtradesiegel und die Bonsucro-Zertifizierung. Fairtrade arbeitet mit Zuckerrohrbauern, die sich in Genossenschaften organisiert haben, zusammen. Dies bietet Vorteile bezüglich einer höheren Verhandlungsmacht, der Möglichkeit gemeinsamer Anschaffungen, einen vereinfachten Zugang zu Finanzierung sowie gegenseitiges Lernen und Austausch. Außerdem sorgen strenge, nachhaltige Standards auf ökologischer Ebene für den Schutz der Umwelt, wobei der Mensch stets im Mittelpunkt steht. Zusätzlich wird für den Bio-Anbau ein Bio-Zuschlag bezahlt.                                          Bonsucro engagiert sich für einen nachhaltigen Zuckerrohranbau, einschließlich Produktion, Verarbeitung und Handel auf der ganzen Welt. Das übergeordnete Ziel besteht darin, die nachhaltige Produktion und Nutzung von Zuckerrohr kollektiv voranzutreiben. Der Fokus liegt dabei auf Klimaschutz, Menschenrechten und Wertschöpfung in der Lieferkette.

Nachhaltigkeit

Die Wachstumsbedingungen der Zuckerrohrpflanze sind für einige Aspekte verantwortlich, die nachhaltigen Zuckerrohranbau erschweren. Da die Ernte recht aufwändig ist, wird Zuckerrohr in Monokulturen auf riesigen zusammenhängenden Flächen angebaut. Um diese bereitstellen zu können, wird häufig tropischer Regenwald abgeholzt und die übriggebliebene Fläche vor dem Anbau abgebrannt. In Landkonflikten werden Kleinbauern häufig gegen ihren Willen umgesiedelt oder vertrieben. Momentan wächst die Anbaufläche für die Pflanze global um rund 1 Million Hektar pro Jahr. Neben dem enormen Landverbrauch verursacht das Süßgras einen hohen Pestizideinsatz und Wasserraub. Mit Flugzeugen wird Gift über den Plantagen ausgebracht, das dabei häufig auch – je nach Wind – Dörfer trifft. Ganze Bäche und Flüsse werden von den Zuckerkonzernen umgeleitet, um dem Wasserverbrauch der Pflanze gerecht zu werden. Die Produktion von einem Kilogramm Zucker benötigt 1783 Liter an Wasser. 

Da der Anbau und die Verarbeitung nur noch in großen Flächen profitabel ist, kann lokaler kleinbäuerlicher Anbau des Zuckerrohrs kaum mehr umgesetzt werden. Diese einstigen Kleinbauern arbeiten häufig als Tagelöhner unter härtesten Bedingungen auf den Feldern. Da die Zuckerrohrindustrie nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus sozialer Sicht aktuell keine Vorreiterrolle in puncto Nachhaltigkeit einnimmt, sollte man als Verbraucher bei daraus hergestellten Produkten unbedingt auf Siegel achten bzw. seinen Konsum solcher Produkte reduzieren. Auch das Betanken seines Autos mit Bioethanol sollte man aus genannten Gründen überdenken.