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Paranuss

Eine unbekannte, aber vielseitige Schalenfrucht.

AllgemeinesVerbreitung – Ernte und ArbeitsbedingungenProduktSiegelKonsum Nachhaltigkeit

Allgemeines

Die Paranuss ist etwas ganz Besonderes, denn sie ist die einzige international gehandelte „Nuss“, die nur wild gesammelt werden kann, weil sie sich nur schwer kultivieren lässt. Mit diesem Artikel soll der exotischen und essbaren Paranuss ihre angemessene Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Paranuss (engl.: brazil nut, lat.: Bertholletia excelsa) ist ungeachtet ihres Namens keine Nuss, sondern eine Schalenfrucht (wie auch die Cashewnuss). Sie ist auch unter den Namen Brasilnuss, Tucannuss, Brasilkastanie und Amazonenmandel bekannt, wird in Deutschland jedoch als Paranusskern vermarktet. Der Paranussbaum erhielt seinen Namen nach dem brasilianischen Bundesstaat Pará und gehört zu den Topffruchtbaumgewächsen. Doch was ist eigentlich eine Paranuss?

Credit: BAM Blog, REDD+ Castañeros

Bei der Paranuss handelt es sich um den länglich-ovalen Samen des immergrünen Paranussbaumes, den der Baum in großen, schweren Samenkapseln abwirft, um sich fortzupflanzen. Jede Frucht enthält etwa 20 Samen, die einzeln gepanzert und wie Orangensegmente fein säuberlich verpackt sind. Die Bäume werden mehrere hundert Jahre alt und bis zu 60 m groß, weswegen sie oft über die Baumkronen des Regenwaldes hinausragen. Sie bieten Lebensraum für zahlreiche Tiere und sind das wirtschaftlich wichtigste Non-Timber-Forest-Product (NTFP) des Amazonasbeckens. Indem sie Nahrung bereitstellen und als Kohlenstoffspeicher fungieren, tragen sie zum Wohlergehen der Menschen bei. Der Paranussbaum ermöglicht lokale sowie globale Vorteile und spielt eine wichtige Rolle bei der Erhaltung des Amazonas-Regenwaldes.

Verbreitung

Paranussbäume sind langlebige, lichtbedürftige Pionierbäume, die als endemische Art im Amazonas-Regenwald in Südamerika vorkommen. Die meisten dieser Urwaldriesen sind in den megadiversen terra-firme-Wäldern des Amazonastieflandes in Brasilien, Bolivien und Peru zu finden. Der Terra-firme-Wald in Südamerika bezeichnet das lokale Ökosystem im Amazonasbecken außerhalb der Überschwemmungsgebiete der Flüsse, wo die Böden sehr arm an Humus sind.

Das Klima in diesen Gebieten ist feucht-tropisch mit sehr hohen Niederschlagsmengen. Das Relief ist vorwiegend flach und die Wälder sind bekannt für ihre hohe biologische Artenvielfalt. Paranussbäume sind Teil eines sensiblen Ökosystems und konnten bis heute nicht wirtschaftlich rentabel kultiviert werden. Denn die Baumriesen, die eine der größten und am längsten lebenden Organismen des Amazonas-Regenwaldes darstellen, sind auf einen gesunden Primärregenwald inklusive bestimmter Tierarten angewiesen. Es herrscht eine koevolutionäre Abhängigkeit zwischen Paranussbaum und gewissen Tierarten. Großwüchsige Bienen, wie die Euglossine Orchideenbiene, sind für die Bestäubung und damit die Fruchtproduktion und Vermehrung des Paranussbaumes essenziell. Denn nur eine kräftige, ausreichend große Bienen- oder Käferart mit langem Rüssel ist in der Lage, die Blüte des Paranussbaumes zu bestäuben. Nach erfolgreicher Bestäubung dauert die Reifung der Früchte 14-15 Monate.

Da sich die Samenkapseln nicht von selbst öffnen, wenn sie reif sind, braucht der Paranussbaum Agutis, bodenbewohnende Nagetiere, die für die Verbreitung und Erhaltung der Bäume sehr wichtig sind. Nur Agutis sind in der Lage, mit ihren Zähnen ein Loch in die äußere harte Schale der Samenkapsel zu nagen, um an die nährstoffreichen Samen im Inneren zu kommen. Als Streusammler vergraben sie die nicht verzehrten Samen im Wald und sorgen somit für die Verbreitung und Erhaltung des Paranussbaumes.

Ernte und Arbeitsbedingungen

Die Ernte von Paranüssen, auch zafra genannt, hat im gesamten artenreichen Amazonasbecken eine lange Geschichte. Der Großteil der saisonalen Sammlung findet im Dreiländereck von Pando (Norden Boliviens), Madre de Dios (Südosten Perus) und Acre (Südwesten Brasiliens) statt, wo die Baumbestände dicht genug für die kommerzielle Wildsammlung der Samenkapseln sind. Die Ernte der Paranüsse wird Wildsammlung genannt, da die Paranusssamen nur an ihrem natürlichen Wuchsstandort gesammelt werden.

Credit: BAM Blog, REDD+ Castañeros

Die Erntezeit findet während der Regenzeit statt (circa Dezember bis April), wenn die meisten Früchte der Bäume auf den Waldboden gefallen sind. Ein Baum kann bis zu 300 Früchte tragen, sodass die Sammler:innen circa 6.000 Samen pro Baum ernten können. Die Fruchtproduktion ist jedoch von Baum zu Baum und von Jahr zu Jahr sehr unterschiedlich.
 
Oft hat die Ernte einer exotischen Frucht Schattenseiten – so auch bei der Paranuss. Tausende von Sammler:innen, Castañeros genannt, leben während der Erntezeit in primitiven Lagern mit niedrigen Lebensstandards in den Wäldern. Jeden Tag suchen sie die stark verholzten Samenkapseln des Paranussbaumes, öffnen die harten Schalen mit der Machete, um die Samen dann in circa 15 kg schweren Säcken aus dem Wald zu den Sammelstellen zu tragen. Das Sammeln ist gefährlich und keine einfache Arbeit. Denn die fallenden 1-2 kg schweren Samenkapseln können die Sammler:innen verletzen und die im Gelände lebenden Schlangen und Skorpione stellen einen Risikofaktor dar. Auf der einen Seite stellt die Wildsammlung der Paranüsse für viele lokale, indigene und eingewanderte Gemeinschaften eine wichtige Einkommensquelle dar und zum anderen stärkt sie die lokale Wirtschaft. Jedoch ist die Ausbeutung der Sammler:innen ein großes Problem, da die Arbeitnehmer:innen oft ohne Arbeitsvertrag arbeiten und auch Kinderarbeit weit verbreitet ist.

Credit: BAM Blog, REDD+ Castañeros

Produkt

Sind die noch feuchten Nüsse einmal gesammelt, dürfen sie nur maximal sieben Tage in Säcken gelagert werden, da sie sonst die Gefahr der Schimmelbildung besteht. Heute werden die Paranüsse aufgrund der mit Schimmelpilzgiften kontaminierten Schalen nur noch in geschälter Form nach Europa importiert. Viele der Paranüsse werden von Verarbeitungsbetrieben von Hand geschält, verpackt und international exportiert. 

Die Samen sind äußerst energiereich und enthalten neben Ballaststoffen, Vitamin E und Mineralien einen hohen Eiweißgehalt und einen mehr als 50 % hohen Anteil an einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Doch vor allem der hohe Selengehalt, ein wichtiges Spurenelement, ist sehr charakteristisch für die Paranuss. Es gibt kein anderes Lebensmittel, das mehr Selen enthält.

Siegel

Für den bewussteren Konsum von Paranüssen ist es hilfreich, einen Blick auf die Siegel und Zertifizierungen auf den Verpackungen im Discounter zu werfen. Bei Paranüssen begrenzen sich diese jedoch auf wenige. Bei unseren Recherchen fanden wir ausschließlich das EU Bio-Siegel, dessen Zertifizierung durch unterschiedliche Kontrollstellen erfolgte. Zu erwähnen sind die DE-ÖKO-006 (Bolivien-Landwirtschaft), DE-ÖKO-003 (Nicht-EU-Landwirtschaft), DE-ÖKO-005 (Nicht-EU-Landwirtschaft), Bio-Siegel nach der EG-ÖKO-Verordnung und BIO7 Initiative (www.alnatura-bio7.com). 

Credit: BAM Blog, REDD+ Castañeros
Credit: BAM Blog, REDD+ Castañeros

Konsum

Paranüsse haben einen reichhaltigen und milden Geschmack und können direkt verzehrt oder als Zutat in Nussmischungen, Schokolade, Müsliriegeln, Kuchen oder Keksen konsumiert werden. Darüber hinaus werden aus ihnen Speise-, Kosmetik- und Massageöl, Seifen- und Körperlotion, Hautpflegeprodukte, aber auch Paranussbuttercreme hergestellt. Vor allem der Trend zur gesunden Ernährung hat dazu geführt, dass die Paranuss sehr beliebt wurde, auch wenn sie im Vergleich zu anderen Nusssorten nur einen sehr kleinen Teil des globalen Nussmarktes ausmacht.

Die Paranusswirtschaft ist durch schwankende Preise und den allgemeinen Entwicklungsdruck im Amazonasgebiet geprägt. Bolivien, Peru und Brasilien zählen zu den wichtigsten Exportländern der nachhaltig erwirtschafteten Paranuss, wobei Bolivien mit etwa 75 % der Weltproduktion der größte Erzeuger ist. Die Weltproduktion von Paranüssen lag im Zeitraum 2013/14 – 2017/18 im Durchschnitt bei jährlich 24.350 Tonnen. Bolivien mit 19.000 Tonnen (78 % der Weltproduktion), gefolgt von Peru (16 %) und Brasilien (6 %) (INC, 2019). Brasilien war bis in die 1990er Jahre der wichtigste Produzent und Exporteur von Paranüssen, aber die Produktionsmengen sind zurückgegangen, während Bolivien diesen Rückgang kompensiert hat. Der Anstieg in Bolivien ist auf eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen den Nusssammler:innen und den Exportfirmen und auf die Verbesserung der Straßenverhältnisse, die einige abgelegene Produktionsgebiete zugänglich gemacht haben, zurückzuführen. Zusammen mit dem Kautschuk und hochwertigen Tropenhölzern stellt die Paranuss den wichtigsten Wirtschaftszweig im Amazonasbereich von Bolivien dar. Die Exporte von Paranüssen nach Europa reichen bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurück. Die EU (v.a. Deutschland, Niederlande), das Vereinigte Königreich, Nordamerika, Neuseeland und Australien stellen die wichtigsten Paranussimporteure dar.

Nachhaltigkeit

Es gibt viele Meinungen darüber, dass der internationale Markt für Paranüsse die Möglichkeit bietet, die Erhaltung des Amazonas-Regenwaldes inklusive seiner Fauna langfristig zu unterstützen. Sein enormer biologischer Wert, seine klimatisch wichtigen Einflüsse und der Beitrag zum atmosphärischen Gasaustausch könnten somit erhalten bleiben. Durch die Paranuss als wichtiges Non-Timber-Forest-Product kann der Regenwald inklusive seiner Fauna nachhaltig geschützt werden. Die kontroverse These „Erhalt durch Nutzung“ spielt dabei eine bedeutende Rolle. Durch die großen Exportmengen der Paranuss aus Bolivien, Peru und Brasilien können die Paranussbäume geschützt und die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes gestoppt bzw. verlangsamt werden. Nach dieser These könnte also angenommen werden, dass es keinen Grund mehr gäbe, den Regenwald zu schützen, wenn keine Paranüsse mehr verkauft werden – also ist der Konsum wichtig.

Credit: BAM Blog, REDD+ Castañeros

Durch die Wildsammlung hat die Nutzung des NTFP nur geringe Auswirkungen auf die Umwelt. Gleichzeitig stellt sie eine wichtige Einkommensquelle für indigene Amazonas-Gemeinschaften dar. Sie ist eine Alternative zu Aktivitäten wie Viehzucht und landwirtschaftlichen Monokulturen. 
Durch ihre ligninhaltige Schale birgt die Paranuss ein hohes Potenzial für die Generierung von nachhaltiger Energie. Mit Hilfe des Lignins in der ansonsten ungenutzten Schale der Frucht können zum einen Pellets oder Briketts als Brennstoff hergestellt werden und zum anderen wird der Regenwald für den Erhalt der Schale nachhaltig geschützt. Diese Art der Rohstoffgewinnung ist eine besonders schonende Form der Ressourcennutzung, die den Eingriff in das Ökosystem minimiert.

Credit: BAM Blog, REDD+ Castañeros

Anregung zum Nachdenken

Denkst du noch immer, dass Paranüsse zu teuer sind, nachdem du erfahren hast, wo sie herkommen und wie sie geerntet werden? 

Denkst du, dass wir in den Supermärkten einen fairen Preis für sie zahlen?